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Zwischenhalt

Zwischen Armut und Reichtum, Egoismus und Nächstenliebe

Ich hatte einen Zwischenhalt am Berliner Hauptbahnhof, als ich eine Freundin noch weiter im Norden besuchen wollte. Da ich bereits mehrere Stunden im Zug gegessen war, holte ich mir einen Muffin und ging, um etwas frische Luft zu schnappen, vor den Haupteingang des Bahnhofs. Wie in jeder Großstadt gibt es auch in Berlin viele arme, obdachlose und bettelnde Menschen. Schon als ich gerade aus dem Gebäude getreten war, sprach mich der erste Mann an - sprechen ist dabei aber deutlich übertrieben. Er brabbelte irgendetwas und hielt mir einen Papp-Kaffeebecher hin. Ich schüttelte den Kopf und war schon etwas genervt, weil ich doch nur kurz an die frische Luft wollte. Während ich meinen Muffin verspeiste, beobachtete ich die Menschen um mich herum. Der Mann, der mich zuvor angesprochen hatte, lief nun noch einmal nah an mir vorbei und blickte auf meinen Muffin. Ich reagierte nicht und er ging weg. Ich beobachtete ihn etwas. Jeder wies ihn ab. Kein Wunder, er war wirklich keine sehr ansprechende Person: brabbelnd, dreckig, mit verschlissener Kleidung und einem allgemein ungepflegten Äußeren. Der Mann begann mir langsam leid zu tun. Wenn jeder so dachte wie ich, hat er im Prinzip keine Chance, großartig Geld in seinem Pappbecher zu sammeln. Ich fühlte mich immer mehr ertappt. Was war schon etwas Kleingeld für mich? Ich würde den Verlust kaum merken. „Wer will ich sein?“, fragte ich mich. Eigentlich möchte ich ein Mensch sein, der die Liebe Gottes an andere Menschen weitergibt. Ich möchte, dass mein Leben zeigt, wie sehr Gott Menschen liebt - bedingungslos. Meinen Geldbeutel öffnend, holte ich einen Fünf-Euro-Schein heraus. Denn wenn dieser arme Mann wirklich kaum Geld bekam, dann brauchte er von mir mehr als nur ein paar Cent. Jesus ging gerade zu den Menschen hin, die von der Gesellschaft verachtet und ausgeschlossen waren. Ich denke, er hatte ein besonderes Herz für die Armen und Schwachen und so oft finden sich in der Bibel Aussagen, in denen Gott sich auf die Seite der Benachteiligten stellte.

Mit meinem Fünf-Euro-Schein ging ich an das andere Ende des Hauptbahnhofs, wo der Mann mittlerweile stand und legte den Schein mit einem Lächeln in seinen Becher. Sein Mund verzog sich zu einem Lächeln, seine Augen strahlten. Sein Blick traf mich mitten ins Herz. Wie lange hatte ich mit mir gerungen, was ich machen soll, musste mich erst von meiner egoistischen abweisenden Haltung verabschieden. Ich schämte mich für die zwei Male davor, wo ich ihn abgewiesen hatte. Seine Freude war echt und sie hat mich so wenig gekostet. 

Als ich in meinem Anschlusszug saß, musste ich noch einmal über Jesus nachdenken, den Sohn Gottes, Gott selbst, der Mensch wurde. Er kam aus einer perfekten Welt, dem Himmel, in unsere kaputte, von Leid gezeichnete Welt - freiwillig. Anstatt in einem Palast wurde er in einem Stall geboren, er lebte ein einfaches Leben als Sohn eines Zimmermanns ohne besonderen Komfort. Er ging gerade zu denen, mit denen sonst niemand etwas zu tun haben wollte: den blinden Bettler, den reichen Betrüger Zachhäus, der Prostituierten Maria…Er kannte die Berührungsängste nicht, die wir so oft haben. Er fragte sich nicht, ob die Menschen seiner Liebe wert waren. Er liebte sie einfach. Denn auch wenn dieser Bettler am Berliner Hauptbahnhof nur ein Betrüger gewesen wäre, auch er ist ein Mensch, der sich wie jeder andere - nur vielleicht noch mehr - nach Liebe und Anerkennung sehnt. Jesus sah nicht die gesellschaftlichen Schranken, ihm waren die Vorurteile egal, auch was andere von ihm gedacht haben: Er liebte einfach - ohne Rücksicht auf Verluste. Er ließ sich seine Liebe zu den Menschen alles kosten.